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Rezension:Es war doch nur Sex!: Seitensprung - ein altes neues Verlangen (Taschenbuch)

Die Paartherapeutin Andrea Bräu setzt sich in diesem Buch sehr differenziert mit dem Seitensprung auseinander, der bekanntermaßen gemeinsam mit dem Begriff "Fremdgehen" den Oberbegriff für Bezeichnungen wie etwa, Affäre oder Außenbeziehung darstellt. Dabei handelt es sich stets um ein sexuelles Erlebnis mit einem Partner außerhalb der Kernbeziehung. In der Folge beschreibt die Autorin den One-Night-Stand, die Affäre, die Beziehung, die Partnerschaft, die Dreiecks-Beziehung als Außenbeziehung und die Vierecksbeziehung näher, bevor sie sich mit dem Seitensprung in früheren Zeiten auseinandersetzt.


Gefreut habe ich mich, dass Bräu die Rede des Aristophanes im Gastmahl erwähnt. Platon berichtet dort von den sagenhaften Kugelmenschen, die man einst entzwei schnitt und die sich seither voller Sehnsucht suchen. Sie Sehnsucht nach der Vereinigung und Eins-Sein der richtigen beiden Teile ist möglicherweise die Grundbedingung für das Bedürfnis nach körperlicher Liebe und vielleicht auch ein Grund für einen Seitensprung, weil das Kugelmenschideal in der Regel mit keinem Partner wirklich zu erreichen ist, sondern als immerwährende Hoffnung durch den Kopf geistert. Bei der Nächsten/dem Nächsten funktioniert die "Verstöpselung" gewiss 100%ig, so das Credo der typischen Seitenspringer nach meiner Interpretation.:-)). Die Paartherapeutin allerdings wartet mit vielen anderen Gründen auf, wieso man fremdgeht. Nach meiner Ansicht basieren alle Gründe auf diesem einen der optimalen "Verstöpselung", wie sie m.E. in dem Roman "Salz auf unserer Haut" brillant beschrieben worden ist.


Man liest vom Ehebruch im Römischen Reich und auch im Mittelalter, dem höfischen Ideal der Minne, auch dem Kontrollinstrument des Keuschheitsgürtels, den Verhaltensmustern der Neuzeit und den Jahrhunderten bis zur Emanzipation, durch die sich die gängigen Normen veränderten. War früher der Seitensprung ein moralisches Problem, ist er heute ein eher seelisches. Diskutiert werden nun primär Verletzung, Trauer, Wut und Angst und diesbezüglich wird nicht selten therapeutische Hilfe in Anspruch genommen, (vgl.: S.38).

Die Geschichte des Seitensprungs zeigt sich zunehmend als Entwicklungsprozess, je intensiver der Mensch sich individualisiert und dabei in den Vordergrund gerückt hat, um so stärker ist sein Sexualleben davon betroffen und entsprechend mit einbezogen. Die Statistiken zeigen, dass der Seitensprung ein Phänomen unserer Gesellschaft darstellt, so die Autorin. Sie vermutet, dass dies möglicherweise mit den Veränderungen an der Struktur unserer Bedürfnisse zusammenhängt, an den Veränderungen in den Bereichen Körper, Geist und Seele und deren Wechselwirkung, (vgl.: S.41). Das halte ich auch für denkbar.

Bräu versucht auszuloten, welche Gründe es sind, die zum Seitensprung führen, thematisiert in diesem Zusammenhang den Konflikt zwischen Bindung und Unabhängigkeit, auch den Leidensdruck bei länger andauernden Außenbeziehungen, die unterschiedliche Libido, den Wunsch Versäumtes nachzuholen und anders mehr. Bemerkenswert finde ich ihre Gedanken zum Thema Nähe und Balance und auch die Gedanken im Hinblick auf die Unzufriedenheit in einer bestehenden Kernbeziehung, die nach einem Ausgleich des Defizits sucht. Ihrer Meinung nach mündet geistige, seelische oder körperliche Unzufriedenheit fast immer in sexueller Unzufriedenheit und die Folge davon ist das sich Öffnen für Seitensprünge. Die Therapeutin wartet immer wieder mit Beispielen aus ihrer Praxis auf und verdeutlicht, dass Sexualität ein Spiegel der Seele, vielleicht der klarste überhaupt ist, (vgl.: S.66-73).

Der Treue und Untreue wird ein Kapitel gewidmet und es kommt hier auch die Sprache auf die Treue zu sich selbst. Die Autorin bezweifelt aufgrund ihrer Berufserfahrung, dass man bei einer Affäre Körper von Seele und Geist trennen und ausschließlich sexuell untreu sein kann. In diesem Punkt habe ich große Zweifel. Ich bin überzeugt, dass insbesondere Männer, dazu in der Lage sind, wenn auch nicht alle.

Der Seitensprung im Internet bleibt im Buch nicht ausgespart und es wird auch thematisiert, wer in Seitensprungportalen zu finden ist. Die Autorin hat aufschlussreiche Interviews mit Besuchern von solchen Portalen gemacht, die man ab S. 126 im Buch nachlesen kann.

Bräu versucht aufzuschlüsseln, was eine gute Beziehung ausmacht und was man tun sollte, um eine solche langfristig zu haben. Dass Kommunikation der Dreh- und Angelpunkt einer guten Beziehung ist, dürfte klar sein und dass ohne gegenseitige Wertschätzung früher oder später das Aus der Beziehung droht, ohnehin.

Die Therapeutin veranschaulicht auch, was sie in ihren Paartherapien unternimmt, wenn die Außenbeziehungen nicht mehr verheimlicht werden können und die Kernbeziehung zu enden droht.

Alles in allem ein nicht uninteressantes Buch. Ob eine gelungene Partnerschaft immer dazu beträgt, einen Seitensprung zu verhindern, sei dahingestellt. Wenn ein in einer gelungen Beziehung lebender Mann mit einer ebenfalls in einer gelungenen Beziehungen lebenden Frau vier Wochen unbeobachtet in einen Raum eingesperrt werden und diese beiden Personen sich auf Anhieb mögen, bin ich mir sicher, dass sie miteinander Sex haben werden, trotz aller ernstgemeinten Treueschwüre ihren Partnern gegenüber, oder irre ich mich da? Wie monogam sind wir wirklich?

Ein Buch, das ich gerne empfehle.


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