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Rezension: Die Macht der Kränkung- Reinhard Haller - Ecowin

Prof. Dr. Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankung und wird als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas stets aufs Neue mit der Begutachtung großer Kriminalfälle betraut. Er schreibt, dass  in besagten Kriminalfällen oft kein anderes Motiv als tiefe Kränkung zu finden sei.

Der Autor untergliedert sein Buch in drei große Abschnitte: 

I. Wesen und Ursachen der Kränkung 

II. Erscheinungsformen der Kränkung 

III. Umgang mit Kränkungen 

In der Einleitung, die den drei Abschnitten vorangestellt ist, erfährt man bereits, dass es Kränkungen sind, die am Beginn von Auseinandersetzungen und Feindschaft, von Demütigung und Rache, von Krankheit und Leid stehen. Dabei sind es  speziell kollektive Kränkungen, deren destruktive Energie in der gesamten menschlichen Geschichte Kriege ausgelöst haben. Schon der Brudermord von Kain an Abel in der Bibel basiere auf tiefer Gekränktheit. Somit erweist sich Kränkung als Urmotiv des Urverbrechens. 

Kränkungen, so der Autor, stellen das zwischenmenschliche Problem schlechthin dar. An Kränkungen kann wirtschaftlich, politisch aber auch privat viel scheitern. Deshalb auch lautet die Hauptthese des vorliegenden Werkes: "Was kränkt, macht krank, was kränkt löst Krisen aus, Kränkungen führen zu Kriminalität und Krieg." 

Im ersten Abschnitt des Buches geht es um Wesen und Ursachen der Kränkung. Hier kann man sich u.a. mit individuellen Empfindlichkeiten auseinandersetzen, lernt Kränkung als Interaktion zu begreifen und erfährt  zudem Wesentliches über Kränkungsempfänger und Kränkungsabsender wie auch die Kränkungsbotschaft. 

Die schwerste Form der Kränkung ist die Enttäuschung, gefolgt von Ablehnung/Zurückweisung, Vertrauensverlust, Mobbing, Beschämung, Missachtung/Geringschätzung, Verleumdung, Diffamierung und Spott. 

Man lernt die sieben Kränkungselemente kennen und sowie zu begreifen und liest, dass Kränkungen Hinweistafeln auf unsere Schwachstellen sind, auf immer noch nicht verheilte Verletzungen oder verdrängte Probleme. 

Wer ein stabiles Selbstwertgefühl behalten möchte, sollte Kränkungen stets aufarbeiten. 

Der Autor thematisiert sie einzelne Kränkungen ausführlich und veranschaulicht diese durch praktische Beispiele. 

Sehr spannend liest sich das Kapitel über die gekränkte und kränkende Persönlichkeit. Hier wird klar, welche Persönlichkeitsstruktur dazu neigt, andere zu kränken (es sind Psychopathen und Narzissten primär) und wer besonders kränkbar ist nämlich: Hochsensible aber auch Narzissten. 

Über die einzelnen Persönlichkeitsstrukturen wird man sehr gut aufgeklärt, liest alsdann über Narzissmus und hier auch über narzisstische Wut. Kollektive Kränkungen aber auch Kränkungen wie Beleidigungen, Beschämungen etc. kommen zur Sprache und es ist des Weiteren ein Kapitel der Demütigung gewidmet, die als die tiefste, bösartigste und folgenschwerste Kränkung gilt. Sie sei Entwertung, Verletzung, Beschämung und Diffamierung in einem. Demütigung ruft Gefühle der Scham, Hilflosigkeit, der ohnmächtigen Wut, der Verzweiflung und totalen Erniedrigung hervor. Im Gegensatz zu sonstigen Kränkungen handelt es sich um eine gezielte Aggression, bewusste Bloßstellung und geplante Entwürdigung anderer. Demütigung gehöre zur psychischen Konstellation des Bösen. Dieses Böse besteht u.a. aus sadistischer Aggression, malignem Narzissmus, Empathiemangel und einseitiger Machtverteilung. Die Täter, die demütigen, setzen sich über den jedem Menschen zu jeder Zeit innewohnenden Moralinstinkt hinweg. Zugleich werde die Schamgrenze des Opfers überschritten. Offenbar ist das Beherrschen des Opfers für den Täter der primäre Reiz. 

Über Demütigung und Macht, auch über die Folgen von Demütigung erfährt man mehr und schließlich auch über Verbitterung, die als unheilbare Kränkung gilt. Dass Kränkung krank macht, wurde eingangs schon erwähnt. Wie diese Krankheiten aussehen, wird auch erörtert. Essstörungen, Sucht etc. gehören dazu, aber auch Burn-out. 

Über Kränkungen im Berufsleben wird man aufgeklärt und in diesem Zusammenhang auch über Mobbing und Co. Aufgelistet sind eine Vielzahl von Handlungen, unter denen Mobbingopfer zu leiden haben. Verbrechen, die aufgrund von Kränkungen begangen werden,  bleiben ebenso wenig ausgespart wie der Umgang mit Kränkungen. 

Schweigen verhindere den Abbau von Aggression und fördere negative Fantasien. Der Schweigende zöge sich auf eine narzisstische Position zurück mit geradezu hysterischer Demonstration auf sein Gekränktsein. Dadurch fühlt sich das Schweigeopfer entwertet und schuldig. Durch diese schweigende Form des Kränkens werden zwischenmenschliche Probleme bis zur Unlösbarkeit kompliziert. 

Bei allem sollte man Kränkung auch als Chance begreifen, denn sie kann zur Selbsterkenntnis dienen aber man kann auch dadurch den Kränkenden besser kennen lernen. Das fördert nicht zuletzt die Menschenkenntnis. 

Wichtig ist natürlich  zu erfahren, wie man Kränkungen entmachtet. Hier helfen 8 Schritte, die man durch Prof. Dr. Haller zu gehen lernt. Die letzten Schritte heißen- so viel sei verraten: Loslassen- Perspektivwechsel und schließlich verzeihen. 

Klingt irgendwie unproblematisch. Einfach mal ausprobieren...

Sehr empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Über Freundschaft- Alexander Nehamas-dtv

Der Autor des vorliegenden Buches ist der gebürtige Grieche Alexander Nehamas. Er ist Professor für Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Princeton University sowie Fellow der American Academy of Arts & Sciences. 

Bücher über Freundschaft sind schon viele geschrieben worden, einige habe ich bereits rezensiert. 

Warum nun sollte man Nehamas Buch zu diesem Thema auch noch lesen?

Ein Grund sind die Untersuchungen im ersten Teil des Werks im Hinblick auf das, was über die Freundschaft im Laufe der Jahre geschrieben wurde und auch wie man sie künstlerisch zu fassen gesucht hat. Deutlich wird bei diesen Untersuchungen, dass sowohl Philosophie als auch Kunst unsere Wertschätzung von Freundschaft vertiefen.

Gefallen haben mir die Bildbetrachtungen in diesem Zusammenhang. Hier erfährt man, dass es "keine Geste, keinen Blick, keine Komposition, keine Haltung, kein Gefühl, keine Handlung und keine Situation" gibt, die eindeutig mit Freundschaft verbunden ist. 

Freundschaft kenne in der Kunst keine sicheren Anzeichen. Auf Bildern begegnen uns Freunde jeden Alters und Geschlechts. Ihr Gefühlsausdruck kann höchst unterschiedlich sein. Dass Freunde fast alles miteinander tun können, gelte nicht nur für die Bildsprache. 

Insgesamt muss festgehalten werden, dass Freundschaft weitaus komplexer und vielschichtiger sei als das Bild, das die Philosophie und die Künste von ihr zeichnen. 

Diese Widersprüchlichkeiten werden im 2. Teil des Buches umfassend erörtert. Dass eine gute Freundschaft durchaus auch in Unmoral begründet sein könne, sei ein starkes Indiz dafür, dass sie keine moralische Tugend sei. Freundschaft kenne aber ähnlich wie die Tugend graduelle Abstufungen und decke eine große Bandbreite von Beziehungen ab. 

Die Janusköpfigkeit von Freundschaft, die sehr gut abgehandelt wird, soll uns allerdings nicht daran hindern, Freundschaften zu pflegen, denn letztendlich sind diese stets einmalig und halten immerhin noch ein paar Menschen zusammen in unserer  unwirtlichen Welt der Vereinzelung.

Empfehlenswert 

Helga König 

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Nie mehr süchtig sein- Leben in Balance- Reinhard Haller- Ecowin

Prof. Dr. Haller gilt als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas. Im vorliegenden Buch thematisiert er die Ursachen, Voraussetzungen und Bedingungen süchtigen Verhaltens. Dieses stelle ein uraltes, zutiefst menschliches Phänomen dar. Dabei liege das eigentliche Wesen der Sucht in der Dominanz und Übermacht von Suchtmittel und Suchtverhalten als auch im damit einhergehenden Autonomieverlust des konsumierenden Individuums.

Zu den charakteristischen Elementen der Sucht zählen Dosissteigerung mit Entwicklung einer Toleranz, das Auftreten von Entzugserscheinungen und der Kontrollverlust. Haller schreibt viel Wissenswertes zu diesen Elementen und hier auch über die Entzugssymptome wie etwa Nervosität, Verstimmungszustände, schlechte Laune und gereiztem Agieren.

Kontrollverlust macht das süchtige Verhalten zur Krankheit und liefert den Süchtigen ohnmächtig dem Suchtprozess aus. In diesem Zustand kann er sein Verhalten nicht mehr willentlich lenken und aus eigener Kraft beenden. Sucht kann auf Dauer die Funktion einer selbstaggressiven Handlung, eines Suizidersatzes bekommen. 

Der Autor listet eine geradezu unheimliche Menge an Süchten auf, die seine Aussage zu Beginn des Buches, dass 90 Prozent der Menschen in irgendeiner Weise süchtig sind, bestätigen. Klassische Süchte wie etwa die Sucht nach Alkohol, Drogen und Medikamenten haben bei Absetzungsversuchen Folgen wie etwa Zittern, Schweißausbrüche und motorische Unruhe. Stoffgebundene Süchte sind Verhaltenssüchte. Neben diesen allerdings gibt es noch Charaktersüchte. 

Bei der Trinksucht beispielsweise nimmt die Selbstkritik immer weiter ab, wohingegen das Geltungsbedürfnis steigt und die Selbstüberschätzung ein unrealistisches Ausmaß erreicht. 

Zu den Motiven für Sucht zählt das Unvermögen die Bindungen und Einschränkungen vom Elternhaus ohne große Komplikationen lösen zu können. Die Droge soll dann bei diesen Schritten helfen. Der Süchtige versuche im Rausch das zu finden, was er in der Realität vergeblich sucht. Zumeist Geborgenheit und Nestwärme. Süchtige suchen Gemeinschaft, Kommunikation, auch Beruhigung und besseren Schlaf. Die vermeintliche Selbstheilung durch Suchtmittel endet in Abhängigkeit und Selbstzerstörung. 

Leichte Kränkbarkeit in der Kindheit führe z. B. dazu, dass Menschen später eifersüchtig reagieren und Störungen im Essverhalten zu diesem Zeitpunkt führen später dann zu Mager- oder Fettsucht. 

Die Sucht verläuft immer in nachstehenden Schritten: Probier- Missbrauchs- oder Gewöhnungs- und Abhängigkeitsphase. Im Verlauf dieser Phasen verändert sich das Wesen des Menschen. So kommt es beispielsweise zum sozialen Rückzug, zur Selbstbezogenheit, zum Nachlassen der Eigeninitiative, zu depressiven Verstimmungen und zur Verflachung der Emotion. 

Der Autor erwähnt typische Suchtdelikte und unterstreicht, dass das Suchtgedächtnis leider nicht vergisst. So enden Suchtkarrieren oft tragisch, wie die Beispiele zeigen. 

Haller schreibt über Alkoholsucht und erklärt wie Alkohol wirkt, auch wer besonders empfindlich darauf reagiert. Genau erläutert wird, wie man alkoholkrank wird, so etwa, wenn man von schwächeren auf stärkere Getränke umsteigt. Dabei ist Kontrollverlust das zentrale Kennzeichen süchtigen Trinkens. 

Auch über Drogen wie Kokain erfährt man viel Wissenswertes. Diese Droge löst Grandiositätgefühle und Überheblichkeit aus. 

Spielsucht ist ein weiteres Thema. Kindliche Allmachtsphantasien zeichnen den Spielsüchtigen aus, der glaubt, mit magischen Kräften das Spiel kontrollieren zu können. Beim süchtigen Spieler stehen irgendwann Verlust und Gewinn im Hintergrund. Primär geht es  dann um den Kick. So wird das Spielen immer risikoreicher und es kommt schließlich ähnlich wie bei den Drogen zur Beschaffungskriminalität. 

Das Rauchen als Sucht bleibt auch nicht ausgespart. Suchtraucher gibt es etwa 5%. Diese Raucher sind offenbar nicht in der Lage das Rauchen aufzugeben. Spannend für jene Raucher, die das Rauchen aufgegeben haben ist, dass nach 10 Jahren Abstinenz das Lungenkrebsrisiko nicht höher ist wie bei einem Nichtraucher. 

Workaholics, Sexsüchtige, Sportsüchtige und anderes Suchverhalten wird auch unter die Lupe genommen. So erhält man auf diese Weise eine Vorstellung von Suchtverhalten in vielen Bereichen und ist beruhigt, dass es für alle letztlich doch nocheinen Ausweg gibt: Den Entschluss zum suchtfreien Leben und die damit verbundene Selbstanerkennung. 

Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter, nicht nur jenen, die ein Suchtverhalten an den Tag legen, sondern auch jenen, die daran interessiert sind Süchtige frühzeitig als solche zu erkennen, was sie sind und die Beziehungsnotbremse zu ziehen.

Helga König 

Überall im Buchhandel erhältlich Onlinebestellung: Ecowin oder Amazon Nie mehr süchtig sein: Leben in Balance