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Rezension: In Schopenhauers Gegenwart- Michel Houellebecq- Dumont

Der zeitgenössische französische Autor Michel Houellebecq befasst sich in seinem neuesten Werk mit dem deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860). Dabei wurde der vorliegende Text von Stefan Kleiner ins Deutsche übertragen. 

Houellebecq lässt die Leser zunächst wissen, dass er als junger Mensch Schopenhauers "Aphorismen zur Lebensweisheit" gelesen habe, zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits mit anderen großen Geistern wie etwa Dostojewski, Thomas Mann, Blaise Pascal, Verlaine und Baudelaire auf Tuchfühlung gegangen war, selbst Gedichte schrieb und durch Schopenhauers Aphorismen glaubte, in Bezug auf seine literarischen Entdeckungen eine Kreisbewegung vollzogen zu haben. 

In der Folge las der Franzose Schopenhauers Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung". Dieser Text beeinflusste das Denken Houellebecqs nachhaltig. In der vorliegenden Publikation unternimmt Houellebecq den Versuch, mittels seiner Lieblingsstellen aus "Die Welt als Wille und Vorstellung" zu zeigen, dass Schopenhauers Geisteshaltung nach seinem Dafürhalten nach wie vor dazu geeignet ist, allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen und weshalb man ihm gegenüber dankbar sein sollte. 

Sein Buch untergliedert er in sechs Kapitel und tritt in allen Kapiteln in den Dialog mit Schopenhauer und anderen Denkern, indem er einzelne Textstellen betrachtet und hier zunächst Textstellen aus Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung“. Wie Houellebeqc hervorhebt, wendet sich Schopenhauer mit dem Satz "Die Welt ist meine Vorstellung" vom eigentlichen Geist der Philosophie ab, weil er dadurch bekundet, dass seine Philosophie nicht im Tod wurzelt. 

Houellebecq stellt im Geiste Schopenhauers eine Reihe interessanter Fragen, die das Hier und Jetzt betreffen, so etwa auch im Hinblick auf Künstler und ihre innere Verfasstheit. Auf Schopenhauer Bezug nehmend, deutet er das Wesen eines Künstlers als eigentlich passiv und dessen Betrachtung der Welt als gleichsam gefühllos. Der Künstler sei stets einer, der ebenso gut gar nichts tun könnte und allein mit der Versenkung in die Welt und einer damit verbundenen vagen Träumerei zufrieden wäre. Was den wahren Künstler von anderen Menschen unterscheide, sei dessen Begabung einer reinen, unverdorbenen Beobachtung. Sowohl der Künstler als auch dessen Kritiker sollten das Kunstwerk, das eine Art Naturprodukt sei, "mit derselben kontemplativen, unschuldigen Aufmerksamkeit betrachten, die der Künstler den Schöpfungen der Natur zuteil werden lässt". 

Schopenhauer begründet in seinem Text, weshalb das Reizende in der Kunst zu vermeiden sei. Er möchte offenbar weder durch Reflexion noch durch Begierde in der Betrachtung der Dinge der Welt in ihrer Gesamtheit gestört werden. Es geht ihm offenbar um das Staunen, das für Begierde und Reflexion keinen Platz lässt. Damit etwas schön bzw. ästhetisch bleiben kann, dürfen wir es nicht in einen emotionalen oder intellektuellen  Bezug zu uns setzen, so sein Gedanke. 

Es führt zu weit, die einzelnen Schopenhauer-Textstellen und die jeweiligen Betrachtungen Houellebeqcs hier alle zu beleuchten, zumal auf verschiedene andere Geistesgrößen Bezug genommen und darin erinnert wird, dass man Schopenhauer eher irrtümlich in die Nähe Balthasar Graciáns oder die französischen Moralisten gerückt habe, sein Buch "Die Welt als Wille und Vorstellung" stattdessen in seinen besten Passagen an einen Kommentar zum Buch Kohelet erinnerten. 

Nicht wenige Metaphern Schopenhauers seien der Welt des Theaters entliehen, insofern nennt Houellebecq eines der Kapitel "Welttheater". Im weiteren Fortgang seiner Überlegungen - Houellebecq zieht hier auch Schopenhauers "Aphorismen zur Lebensweise" zu Rate -  macht er deutlich, dass es der eher als sauertöpfisch verschriene Philosoph Schopenhauer war, der erkennt, wer der im Grunde glücklichste Mensch sei. 

Für humorlose deutsche Intellektuelle ist Schopenhauers Verortung des glücklichsten Menschen natürlich niederschmetternd. Houellebeqc hingegen nimmt es gelassen. Wieso? Michel Houllebeqc ist bekanntermaßen ein französischer Intellektueller mit viel Esprit und Hintersinn, der seinem Glück amüsiert entgegen lebt. Alles eine Frage der Zeit… Das wusste Salomo bereits.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Glück und Wohlwollen- Versuch über Ethik- Robert Spaemann- Versuch über Ethik

Prof. Dr. Robert Spaemann ist der Autor des vorliegenden Buches. Er lehrte von 1962 bis 1992 Philosophie an der TH Stuttgart und den Universitäten Heidelberg und München. Zudem hatte er zahlreiche Gastprofessuren inne, erhielt mehrere Ehrendoktorwürden und ist Träger des Karl-Jaspers-Preises 2001 der Stadt und der Universität Heidelberg. Die vorliegende Sonderausgabe wurde Robert Spaemann zu seinem 90. Geburtstag gewidmet, den er am 5. Mai gefeiert hat. 

Das Buch umfasst zwei große Teile. Dies hängt damit zusammen, dass zwei große europäische Traditionen der Ethik miteinander im Widerstreit liegen und der Autor den Dualismus den Lesern begreifbar machen möchte. Es sind die Ansätze von Aristoteles und Kant, um die es hier geht. 

Für Aristoteles war das Gelingen des Lebens (Glück) entscheidend, während Kant menschliches Handeln aus der Perspektive der Pflichten rechtfertigte. Spaemann führt die beiden Perspektiven auf etwas Ursprüngliches zurück und versöhnt sie auf diese Weise. Es handelt sich bei dem Ursprünglichen um die "Wahrnehmung der Wirklichkeit". 

Wissen muss man, dass Aristoteles aus der Schilderung ethischer Situationen Maximen und ethische Regeln ableitet. Dazu erfährt man im Buch Näheres. Beim Gelingen des Lebens zählen nicht nur die verwirklichten Ziele, sondern es ist auch wichtig, dass die Handlungen durch die Ziele realisiert wurden selbst Teile des Gelungenen oder Misslungenen sind. Außerhalb der Philosophie gibt es nur ein relatives Gelingen, wenn Menschen in ihrem Leben das Gute objektiv durch ihr jeweils besonderes Tun darstellen. Das scheint zu funktionieren, wenn man unter philosophischer Anleitung lebt, wohingegen in einer schlecht organisierten, unphilosophischen Gesellschaft das Leben nicht im Sinne von Aristoteles gelingen kann. Nur das Gelingen des philosophischen Lebens ist frei von den sozialen und politischen Rahmenbedingungen, da die wissende Teilhabe am Guten unabhängig davon ist. Die aristotelische Lehre vom gelingenden Leben habe den Charakter eines Kompromisses und zwar in vielfacher Hinsicht. Dies wird Kapitel "Der aristotelische Kompromiss" verdeutlicht.

Bei Kant stellt sich die Frage, was zwingend erforderlich ist, um dessen "Kategorischem Imperativ" zu genügen. Dabei muss man wissen, dass allem Wollen und sollen die "Wahrnehmung der Wirklichkeit" vorausgeht. Pflichten gegenüber Dritten setzen demnach voraus, dass man die Anderen als "wirklich" voraussetzt, dass man sich von Person zu Person begegnet. Wer erwacht sei, für den stellt sich nicht die Frage, weshalb man anderen gegenüber wohlwollend sein soll und für den, der es nicht ist, bliebe die Frage unbeantwortbar. 

Da die Normalverfassung des Menschen eine Art Halbwachheit sei, müsse die Philosophie dazu verhelfen, vollständig wach zu werden. 

Robert Spaemann schreibt: "Einen Menschen vollkommen ernst nehmen heißt ihn vernichten. Denn vollkommen ernst genommen zu werden überfordert uns. Die Vernunft eröffnet uns eine Dimension, von der wir zugleich erkennen, dass sie nicht ausfüllbar ist. Niemand ist vollkommen erwacht. Natürlichkeit ist Unbewusstheit. Das «Sie wissen nicht, was sie tun» kommentiert alles menschliche Handeln, das nicht Ausdruck der Liebe ist, und ist zugleich das Argument für die Bitte: «Vergib ihnen». 

Ein sehr komplexes Buch, dessen Inhalt man in einer nicht allzu umfangreichen Rezension verkürzt nicht wirklich zufriedenstellend ausbreiten kann. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Das unsterbliche Gerücht: Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne

Rezension: Die Wiederentdeckung der Kindheit- Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen.- Michael Winterhoff-Gütersloher Verlagshaus

Der Autor dieses Buches ist der Kinder-und Jugendpsychiater sowie Jugendtherapeut mit eigener Praxis Dr. Michael Winterhoff. Er beschäftigt sich primär mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht. 

Sein neues Werk ist in neun Kapitel untergliedert, die drei Teilen zugeordnet sind. Prolog und Epilog vervollständigen das Buch, in welchem der Leser auf die Suche nach einer Kindheit gehen kann, so wie Kinder sie benötigen. Damit meint Winterhoff eine Kindheit, die sie zu "glücklichen, lebenstüchtigen, selbstständigen Erwachsenen mit guter Persönlichkeit werden lässt, die darauf brennen, als beziehungsfähige und verantwortungsvolle Menschen ihren Platz in der Welt zu finden."

Wie der Autor zu Beginn seiner Überlegungen hervorhebt, sei es eine Tatsache, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von heute sich wesentlich von denen unterscheiden, die um 1990 herum aufgewachsenen sind. So scheint es offenbar mittlerweile normal zu sein, dass ein hoher Anteil der Kinder später einmal auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben wird, weil es ihnen an Konzentrationsfähigkeit und Frustrationstoleranz mangelt, auch dass sie sich nicht mehr zu benehmen wissen oder dass sie Tage lang hinter abgeschlossenen Türen auf Tauchstation gehen, um den Highscore eines Spiels zu knacken, um nur einige Beispiele zu nennen. 

Michael Winterhoff zeigt anhand von vier fiktiven Jugendlichen wie sie sich entwickeln bzw. entwickelt haben aufgrund einer völlig unterschiedlichen Erziehung. Mittlerweile scheint es so zu sein, dass Kinder selbst einfachste Anweisungen nicht mehr befolgen können. Viele wissen nicht mehr, wo links und rechts ist und dies sei keine Frage der Intelligenz. Es mangelt den Kindern zudem an Begeisterungsfähigkeit. Unbeschwertheit, Freiheit und Fürsorge kennen sie nicht. Das hängt  u.a. damit zusammen, dass die Eltern ihre Kinder mit Problemen belasten, die nicht altersgerecht sind. Offenbar wollen die Eltern nicht verstehen, dass Augenhöhe mit Kindern unmöglich ist, weil ein Kind eben ein Kind und kein kleiner Erwachsener ist. 

Winterhoff erklärt, wie Unbeschwertheit, Freiheit und Fürsorge in der Kindheit ausschauen und was derzeit falsch läuft. 

Weshalb ist es so schwierig für Grundschüler geworden, die Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen? Das Buch macht begreifbar, dass Eltern und andere Erziehungsberechtigte einfach den falschen Weg gegangen sind, indem sie Kinder einerseits überbehüten und andererseits sie nicht als unreife Menschen betrachten, denen Grenzen gesetzt werden müssen. Das sind die Auslöser für diverse Schwierigkeiten.

Für Ziele zu arbeiten ist dieser Generation fremd, es sei denn, sie bringen ihnen Lustgewinn. Die jungen Menschen sind auf dem Stand von 16 Monate alten Kleinkindern. Wieso das so ist, erläutert der Autor sehr gut und verdeutlicht, weshalb diese Kinder gefühlsblind, oft unfähig zur Kommunikation,vereinsamt, aggressiv und pathologisiert sind. 

Ein wirkliches Problem stellt sowohl bei Eltern als auch Kindern das Internet dar. Kinder erlernen neuerdings Kommunikation bevorzugt in digitaler Form, aber auch Eltern halten sich ständig am Smartphone oder am Computer auf. Dies und die große Möglichkeit anderer Freizeitbeschäftigungen haben zu einem veränderten Eltern-Kind-Verhalten geführt, das Projektion, Symbiose und diese im Katastrophenmodus zum Ergebnis haben. 

Offenbar ist die Eltern-Kind-Beziehung krass gestört, auch die Großelternbeziehung scheint es zu sein. Die Ergebnisse sind mehr als unerfreulich, wie Winterhoff darlegt. 

Es wird Zeit umzudenken. Sinnstiftender mit Laptop, Smartphone etc. umzugehen, sich Zeit zu nehmen für die Entwicklung der Kinder und aufzupassen, dass die Erzieher nicht in die Regression fallen, darum geht es. 

Spannend auch ist es den Anhang zu lesen. Hier wird die Entwicklung der emotionalen und sozialen Psyche des Kindes aus tiefenpsychologischer Sicht chronologisch aufgezeigt. So wird deutlich, wieso ein Mensch emotional und sozial nicht auf dem Stand eines 16 Monate alten Kindes stehen bleiben kann und welche Folgen  ein  uneinsichtiges Verhalten für die Gesellschaft hat. 

Empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Die Macht der Kränkung- Reinhard Haller - Ecowin

Prof. Dr. Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankung und wird als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas stets aufs Neue mit der Begutachtung großer Kriminalfälle betraut. Er schreibt, dass  in besagten Kriminalfällen oft kein anderes Motiv als tiefe Kränkung zu finden sei.

Der Autor untergliedert sein Buch in drei große Abschnitte: 

I. Wesen und Ursachen der Kränkung 

II. Erscheinungsformen der Kränkung 

III. Umgang mit Kränkungen 

In der Einleitung, die den drei Abschnitten vorangestellt ist, erfährt man bereits, dass es Kränkungen sind, die am Beginn von Auseinandersetzungen und Feindschaft, von Demütigung und Rache, von Krankheit und Leid stehen. Dabei sind es  speziell kollektive Kränkungen, deren destruktive Energie in der gesamten menschlichen Geschichte Kriege ausgelöst haben. Schon der Brudermord von Kain an Abel in der Bibel basiere auf tiefer Gekränktheit. Somit erweist sich Kränkung als Urmotiv des Urverbrechens. 

Kränkungen, so der Autor, stellen das zwischenmenschliche Problem schlechthin dar. An Kränkungen kann wirtschaftlich, politisch aber auch privat viel scheitern. Deshalb auch lautet die Hauptthese des vorliegenden Werkes: "Was kränkt, macht krank, was kränkt löst Krisen aus, Kränkungen führen zu Kriminalität und Krieg." 

Im ersten Abschnitt des Buches geht es um Wesen und Ursachen der Kränkung. Hier kann man sich u.a. mit individuellen Empfindlichkeiten auseinandersetzen, lernt Kränkung als Interaktion zu begreifen und erfährt  zudem Wesentliches über Kränkungsempfänger und Kränkungsabsender wie auch die Kränkungsbotschaft. 

Die schwerste Form der Kränkung ist die Enttäuschung, gefolgt von Ablehnung/Zurückweisung, Vertrauensverlust, Mobbing, Beschämung, Missachtung/Geringschätzung, Verleumdung, Diffamierung und Spott. 

Man lernt die sieben Kränkungselemente kennen und sowie zu begreifen und liest, dass Kränkungen Hinweistafeln auf unsere Schwachstellen sind, auf immer noch nicht verheilte Verletzungen oder verdrängte Probleme. 

Wer ein stabiles Selbstwertgefühl behalten möchte, sollte Kränkungen stets aufarbeiten. 

Der Autor thematisiert sie einzelne Kränkungen ausführlich und veranschaulicht diese durch praktische Beispiele. 

Sehr spannend liest sich das Kapitel über die gekränkte und kränkende Persönlichkeit. Hier wird klar, welche Persönlichkeitsstruktur dazu neigt, andere zu kränken (es sind Psychopathen und Narzissten primär) und wer besonders kränkbar ist nämlich: Hochsensible aber auch Narzissten. 

Über die einzelnen Persönlichkeitsstrukturen wird man sehr gut aufgeklärt, liest alsdann über Narzissmus und hier auch über narzisstische Wut. Kollektive Kränkungen aber auch Kränkungen wie Beleidigungen, Beschämungen etc. kommen zur Sprache und es ist des Weiteren ein Kapitel der Demütigung gewidmet, die als die tiefste, bösartigste und folgenschwerste Kränkung gilt. Sie sei Entwertung, Verletzung, Beschämung und Diffamierung in einem. Demütigung ruft Gefühle der Scham, Hilflosigkeit, der ohnmächtigen Wut, der Verzweiflung und totalen Erniedrigung hervor. Im Gegensatz zu sonstigen Kränkungen handelt es sich um eine gezielte Aggression, bewusste Bloßstellung und geplante Entwürdigung anderer. Demütigung gehöre zur psychischen Konstellation des Bösen. Dieses Böse besteht u.a. aus sadistischer Aggression, malignem Narzissmus, Empathiemangel und einseitiger Machtverteilung. Die Täter, die demütigen, setzen sich über den jedem Menschen zu jeder Zeit innewohnenden Moralinstinkt hinweg. Zugleich werde die Schamgrenze des Opfers überschritten. Offenbar ist das Beherrschen des Opfers für den Täter der primäre Reiz. 

Über Demütigung und Macht, auch über die Folgen von Demütigung erfährt man mehr und schließlich auch über Verbitterung, die als unheilbare Kränkung gilt. Dass Kränkung krank macht, wurde eingangs schon erwähnt. Wie diese Krankheiten aussehen, wird auch erörtert. Essstörungen, Sucht etc. gehören dazu, aber auch Burn-out. 

Über Kränkungen im Berufsleben wird man aufgeklärt und in diesem Zusammenhang auch über Mobbing und Co. Aufgelistet sind eine Vielzahl von Handlungen, unter denen Mobbingopfer zu leiden haben. Verbrechen, die aufgrund von Kränkungen begangen werden,  bleiben ebenso wenig ausgespart wie der Umgang mit Kränkungen. 

Schweigen verhindere den Abbau von Aggression und fördere negative Fantasien. Der Schweigende zöge sich auf eine narzisstische Position zurück mit geradezu hysterischer Demonstration auf sein Gekränktsein. Dadurch fühlt sich das Schweigeopfer entwertet und schuldig. Durch diese schweigende Form des Kränkens werden zwischenmenschliche Probleme bis zur Unlösbarkeit kompliziert. 

Bei allem sollte man Kränkung auch als Chance begreifen, denn sie kann zur Selbsterkenntnis dienen aber man kann auch dadurch den Kränkenden besser kennen lernen. Das fördert nicht zuletzt die Menschenkenntnis. 

Wichtig ist natürlich  zu erfahren, wie man Kränkungen entmachtet. Hier helfen 8 Schritte, die man durch Prof. Dr. Haller zu gehen lernt. Die letzten Schritte heißen- so viel sei verraten: Loslassen- Perspektivwechsel und schließlich verzeihen. 

Klingt irgendwie unproblematisch. Einfach mal ausprobieren...

Sehr empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Über Freundschaft- Alexander Nehamas-dtv

Der Autor des vorliegenden Buches ist der gebürtige Grieche Alexander Nehamas. Er ist Professor für Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Princeton University sowie Fellow der American Academy of Arts & Sciences. 

Bücher über Freundschaft sind schon viele geschrieben worden, einige habe ich bereits rezensiert. 

Warum nun sollte man Nehamas Buch zu diesem Thema auch noch lesen?

Ein Grund sind die Untersuchungen im ersten Teil des Werks im Hinblick auf das, was über die Freundschaft im Laufe der Jahre geschrieben wurde und auch wie man sie künstlerisch zu fassen gesucht hat. Deutlich wird bei diesen Untersuchungen, dass sowohl Philosophie als auch Kunst unsere Wertschätzung von Freundschaft vertiefen.

Gefallen haben mir die Bildbetrachtungen in diesem Zusammenhang. Hier erfährt man, dass es "keine Geste, keinen Blick, keine Komposition, keine Haltung, kein Gefühl, keine Handlung und keine Situation" gibt, die eindeutig mit Freundschaft verbunden ist. 

Freundschaft kenne in der Kunst keine sicheren Anzeichen. Auf Bildern begegnen uns Freunde jeden Alters und Geschlechts. Ihr Gefühlsausdruck kann höchst unterschiedlich sein. Dass Freunde fast alles miteinander tun können, gelte nicht nur für die Bildsprache. 

Insgesamt muss festgehalten werden, dass Freundschaft weitaus komplexer und vielschichtiger sei als das Bild, das die Philosophie und die Künste von ihr zeichnen. 

Diese Widersprüchlichkeiten werden im 2. Teil des Buches umfassend erörtert. Dass eine gute Freundschaft durchaus auch in Unmoral begründet sein könne, sei ein starkes Indiz dafür, dass sie keine moralische Tugend sei. Freundschaft kenne aber ähnlich wie die Tugend graduelle Abstufungen und decke eine große Bandbreite von Beziehungen ab. 

Die Janusköpfigkeit von Freundschaft, die sehr gut abgehandelt wird, soll uns allerdings nicht daran hindern, Freundschaften zu pflegen, denn letztendlich sind diese stets einmalig und halten immerhin noch ein paar Menschen zusammen in unserer  unwirtlichen Welt der Vereinzelung.

Empfehlenswert 

Helga König 

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dtv oder Amazon: Über Freundschaft

Nie mehr süchtig sein- Leben in Balance- Reinhard Haller- Ecowin

Prof. Dr. Haller gilt als einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas. Im vorliegenden Buch thematisiert er die Ursachen, Voraussetzungen und Bedingungen süchtigen Verhaltens. Dieses stelle ein uraltes, zutiefst menschliches Phänomen dar. Dabei liege das eigentliche Wesen der Sucht in der Dominanz und Übermacht von Suchtmittel und Suchtverhalten als auch im damit einhergehenden Autonomieverlust des konsumierenden Individuums.

Zu den charakteristischen Elementen der Sucht zählen Dosissteigerung mit Entwicklung einer Toleranz, das Auftreten von Entzugserscheinungen und der Kontrollverlust. Haller schreibt viel Wissenswertes zu diesen Elementen und hier auch über die Entzugssymptome wie etwa Nervosität, Verstimmungszustände, schlechte Laune und gereiztem Agieren.

Kontrollverlust macht das süchtige Verhalten zur Krankheit und liefert den Süchtigen ohnmächtig dem Suchtprozess aus. In diesem Zustand kann er sein Verhalten nicht mehr willentlich lenken und aus eigener Kraft beenden. Sucht kann auf Dauer die Funktion einer selbstaggressiven Handlung, eines Suizidersatzes bekommen. 

Der Autor listet eine geradezu unheimliche Menge an Süchten auf, die seine Aussage zu Beginn des Buches, dass 90 Prozent der Menschen in irgendeiner Weise süchtig sind, bestätigen. Klassische Süchte wie etwa die Sucht nach Alkohol, Drogen und Medikamenten haben bei Absetzungsversuchen Folgen wie etwa Zittern, Schweißausbrüche und motorische Unruhe. Stoffgebundene Süchte sind Verhaltenssüchte. Neben diesen allerdings gibt es noch Charaktersüchte. 

Bei der Trinksucht beispielsweise nimmt die Selbstkritik immer weiter ab, wohingegen das Geltungsbedürfnis steigt und die Selbstüberschätzung ein unrealistisches Ausmaß erreicht. 

Zu den Motiven für Sucht zählt das Unvermögen die Bindungen und Einschränkungen vom Elternhaus ohne große Komplikationen lösen zu können. Die Droge soll dann bei diesen Schritten helfen. Der Süchtige versuche im Rausch das zu finden, was er in der Realität vergeblich sucht. Zumeist Geborgenheit und Nestwärme. Süchtige suchen Gemeinschaft, Kommunikation, auch Beruhigung und besseren Schlaf. Die vermeintliche Selbstheilung durch Suchtmittel endet in Abhängigkeit und Selbstzerstörung. 

Leichte Kränkbarkeit in der Kindheit führe z. B. dazu, dass Menschen später eifersüchtig reagieren und Störungen im Essverhalten zu diesem Zeitpunkt führen später dann zu Mager- oder Fettsucht. 

Die Sucht verläuft immer in nachstehenden Schritten: Probier- Missbrauchs- oder Gewöhnungs- und Abhängigkeitsphase. Im Verlauf dieser Phasen verändert sich das Wesen des Menschen. So kommt es beispielsweise zum sozialen Rückzug, zur Selbstbezogenheit, zum Nachlassen der Eigeninitiative, zu depressiven Verstimmungen und zur Verflachung der Emotion. 

Der Autor erwähnt typische Suchtdelikte und unterstreicht, dass das Suchtgedächtnis leider nicht vergisst. So enden Suchtkarrieren oft tragisch, wie die Beispiele zeigen. 

Haller schreibt über Alkoholsucht und erklärt wie Alkohol wirkt, auch wer besonders empfindlich darauf reagiert. Genau erläutert wird, wie man alkoholkrank wird, so etwa, wenn man von schwächeren auf stärkere Getränke umsteigt. Dabei ist Kontrollverlust das zentrale Kennzeichen süchtigen Trinkens. 

Auch über Drogen wie Kokain erfährt man viel Wissenswertes. Diese Droge löst Grandiositätgefühle und Überheblichkeit aus. 

Spielsucht ist ein weiteres Thema. Kindliche Allmachtsphantasien zeichnen den Spielsüchtigen aus, der glaubt, mit magischen Kräften das Spiel kontrollieren zu können. Beim süchtigen Spieler stehen irgendwann Verlust und Gewinn im Hintergrund. Primär geht es  dann um den Kick. So wird das Spielen immer risikoreicher und es kommt schließlich ähnlich wie bei den Drogen zur Beschaffungskriminalität. 

Das Rauchen als Sucht bleibt auch nicht ausgespart. Suchtraucher gibt es etwa 5%. Diese Raucher sind offenbar nicht in der Lage das Rauchen aufzugeben. Spannend für jene Raucher, die das Rauchen aufgegeben haben ist, dass nach 10 Jahren Abstinenz das Lungenkrebsrisiko nicht höher ist wie bei einem Nichtraucher. 

Workaholics, Sexsüchtige, Sportsüchtige und anderes Suchverhalten wird auch unter die Lupe genommen. So erhält man auf diese Weise eine Vorstellung von Suchtverhalten in vielen Bereichen und ist beruhigt, dass es für alle letztlich doch nocheinen Ausweg gibt: Den Entschluss zum suchtfreien Leben und die damit verbundene Selbstanerkennung. 

Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter, nicht nur jenen, die ein Suchtverhalten an den Tag legen, sondern auch jenen, die daran interessiert sind Süchtige frühzeitig als solche zu erkennen, was sie sind und die Beziehungsnotbremse zu ziehen.

Helga König 

Überall im Buchhandel erhältlich Onlinebestellung: Ecowin oder Amazon Nie mehr süchtig sein: Leben in Balance

Rezension: Das passende Leben- Remo H. Largo- S. Fischer Verlage

Remo H. Largo hat Medizin in Zürich und Entwicklungspädiatrie an der University of California in Los Angelos studiert. Seit 1978 leitete er die Abteilung "Wachstum und Entwicklung" an der Universitäts-Kinderklinik Zürich und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Bestseller. Diese befassen sich mit der menschlichen Entwicklung. Beim vorliegenden Werk handelt es sich um eine höchst komplexe Evolutionsgeschichte der Individualität und zugleich um ein lebenspraktisches Buch. 

Insgesamt enthält es 10 Kapitel und schlägt einen großen Bogen von den Anfängen der Evolution bis zu unserer Zeit. Zu Beginn wird man zunächst mit dem biologischen und soziokulturellen Werdegang des Menschen vertraut gemacht. Hier wird aufgezeigt, in welcher Weise sämtliche Lebewesen auseinander hervorgegangen sind und trotz der unterschiedlichsten Umweltbedingungen überlebt haben.

Man erfährt Näheres zum Wandel von Generation zu Generation, über die Evolution des Menschen und hier auch, dass wir Meister der Anpassung sind. Zur soziokulturellen Evolution liest man beispielsweise mehr zu unseren verbesserten Lebensbedingungen, als da sind Sesshaftigkeit, Ernährung und die Erfindung der Schrift etc. Schriftsysteme haben nicht nur den Handel beschleunigt und vereinfacht, sie waren auch die Bedingung, um Gesetze und Verordnungen, die das Zusammenleben in den zunehmend komplexeren Gemeinschaften regelten, schriftlich zu fixieren. 

Es führt zu weit, auf die kolossale Fülle von Fakten hier näher einzugehen, die der Autor zusammengetragen hat, so etwa auch  im Hinblick auf die soziale Evolution.

Dann liest man Grundlegendes über das "Fit-Prinzip", dessen Herzstück das Bemühen ist, in Übereinstimmung mit sich und der Umwelt zu leben. In den neun Folgeteilen dann geht es u.a. um das Zusammenwirken von Anlage und Umwelt. Man erfährt, wann und wie die Menschen größer und intellektuell immer leistungsfähiger wurden. Auch Begabung wird thematisiert. 

Weshalb Kinder sich aus sich selbst heraus entwickeln, wird ebenfalls erörtert. Nicht alle begabten Eltern haben begabte Kinder. Dies hängt mit dem Gesetz der Regression zusammen. Bei der Entwicklung zur Individualität geht es darum, seine Begabungen zu entfalten. Wie Reifung und Erfahrung schließlich zur Hirnentwicklung beitragen, wird auch thematisiert. Wissen muss man, dass nur selbstbestimmtes Lernen nachhaltig ist. 

Wenn Kinder fremdbestimmt lernen, kann es die aufgezwungenen Erfahrungen, so etwa einen Text auswendig zu lernen, nicht so gut mit seinen bisherigen Erfahrungen, Fertigkeiten und  seinem Wissen verknüpfen. Von daher wird Auswendiggelerntes und mechanisch Eingeübtes rasch wieder vergessen. Wenn Erwachsene ihre Kompetenzen verbessern wollen, sollten sie genau überlegen, welche zu ihnen passen und sollten nicht schablonenhaft  beim Einüben vorgehen.

Thematisiert wird fernerhin, weshalb Mangel an Geborgenheit die Entwicklung beeinträchtigt und es wird sehr gut beantwortet, was unsere Grundbedürfnisse sind und wie sie unser Leben bestimmen. Zudem erfährt man aber auch, welche Kompetenzen wir tatsächlich entfalten wollen und was genau man unter Intelligenz versteht. Intelligenz ist weit mehr als der IQ messen kann, deshalb wird seit 1983 auch von der multiplen Intelligenz gesprochen. Soziale Kompetenzen werden dann in der Folge erörtert, bevor die nonverbale Kommunikation reflektiert wird. Hier geht es dann beispielsweise um das Blickverhalten, das mehr als aufschlussreich sein kann, um den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu ermitteln.

Sehr gut auch sind die Überlegungen zu sprachlichen, figural-räumlichen, logisch-mathematischen, zeitlich-planerischen sowie körperlichen Kompetenzen und deren Zusammenspiel.  All dies sich bewusst zu machen, verdeutlicht uns, wann ein Leben  tatsächlich passend ist.

Seite für Seite ist das Buch sehr lehrreich, auch gerade dann, wenn es um das Wesen unserer inneren Vorstellungen geht. Offenkunding wird, welche Bedürfnisse und Kompetenzen unsere Individualität formen, zudem wie wir mit unseren Stärken und Schwächen leben können und schließlich, was ein zufriedenstellendes Leben für jeden Einzelnen ausmacht.

Wir alle sind Unikate und sollten uns davor hüten, andere sein  zu wollen als die wir sind. Kreativität bedarf nämlich der Individualität und eines Umfeldes, das zu uns passt.

Empfehlenswert,

Helga König

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Rezension: Philosophie der Einsamkeit- Lars Fr. H. Svendsen

Der Autor dieses lesenswerten Buches ist Prof. Dr. Lars Fr. H. Svendsen. Er lehrt an der Universität in Bergen und wurde 2008 mit dem Meltzerpreis für hervorragende Forschung und Forschungsvermittlung ausgezeichnet. Sein vorliegendes Werk wurde von Daniela Stilzebach aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt. 

Svendsen definiert Einsamkeit als gefühlsmäßige Reaktion darauf, dass das Bedürfnis einer Person nach Bindung zu einer anderen nicht befriedigt wird. Dabei muss man wissen, dass Einsamkeit und Alleinsein zwei verschiedene Phänomene sind. Studien zu Folge haben für das subjektive Wohlbefinden von Menschen als soziales Wesen Lebenspartner und Freunde eine größere Auswirkung als Reichtum und Berühmtheit, wohingegen soziale Isolation sich auf die psychische und physische Gesundheit negativ auswirkt. 

Viele Philosophen haben sich mit dem Phänomen der Einsamkeit näher befasst. Darüber erfährt man im Buch viel Wissenswertes aber auch über die Formen der Einsamkeit. Sie ist übrigens ein starker Prädikator für Mortalität und beeinflusst den Blutdruck, die Immunabwehr und verursacht einen Anstieg von Stresshormonen im Körper. Dies wiederum erhöht Alzheimer und auf lange Sicht generell geschwächte kognitive Fähigkeiten.

Zudem kann Einsamkeit den Alterungsprozess beschleunigen. Einsame Menschen wachen während des Schlafes häufiger auf.  Ferner soll das Gefühl von Einsamkeit negativere Folgen für die Gesundheit haben als subjektive soziale Isolation. Ein hoher Grad von Einsamkeit korreliert des Weiteren stark mit den Kriterien von Depression. 

Einsamkeit als Gefühl wird breit angelegt erörtert. So erfährt man, dass der Einsame ein Selbst geformt hat, das andere Menschen sowohl fürchtet als auch zugleich eine Bindung an sie wünscht. Einsame haben ein geringeres Vertrauen in andere und ziehen rascher Grenzen. Auf diese Weise entsteht immer mehr Einsamkeit. 

"Nur eine Person mit Fähigkeit zu Freundschaft und Liebe vermag Einsamkeit fühlen", so Svendsen. Der Autor reflektiert dies in dem Kapitel über Freundschaft und Liebe und stellt anschließend Überlegungen zum Individualismus im Hinblick auf Einsamkeit an. 

Neben der bedenklichen Einsamkeit gibt es allerdings noch eine weitere, nämlich jene, die zur Erkenntnis führt. Sie erfordert eine gewisse Selbstgenügsamkeit.

Einsamkeit lässt sich verringern, wenn man die Fähigkeit besitzt, in sich zu ruhen, so der Philosoph, sodass man nicht so stark von der Bestätigung anderer abhängig ist, zugleich jedoch versucht, sich ihnen zu öffnen. 

Wer einsam ist, muss die Verantwortung hierfür übernehmen und sollte Wege finden, sie zu minimieren, da sie keinem Menschen langfristig wirklich gut tut.  Wir alle sind auf soziale Kontakte  angewiesen.  Svendsen verdeutlicht die Bandbreite der Gründe mehr als nur zufriedenstellend.

Sehr empfehlenswert 
Helga König

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Rezension: Die Othello- Falle- Wolfgang Hantel -Quitmann-Klett-Cotta

Prof Dr. Wolfgang Hantel-Quitmann, der Autor dieses Buches ist Familien-Psychologe in Hamburg. Sein Werk "Die Othello-Falle" beginnt mit einer Einführung, die den Titel "Opfer des eigenen Denkens" trägt. Wer Opfer des eigenen Denkens ist, versuche aufgrund von Scham, die Einsicht in eigene Fehler zu verdecken. Schuld werde deshalb abgewehrt und lieber anderen zugewiesen. Psychische Abwehrreaktionen ließen sich dauerhaft jedoch nicht aufrechterhalten. Sich über Mangel an Bewusstsein herauszureden, sei nicht überzeugend, weil seit Freud in der Psychologie jeder für sein eigenes Unbewusstes verantwortlich sei. 

Wie nun lassen sich unbewusste Fehler erkennen und beseitigen? Es müssten Denkmuster überprüft werden, die zu einem bestimmten Handeln geführt haben. So lasse sich  zwar aus eigenen Erfahrungen lernen, jedoch nur, wenn man eigene Fehler nicht verdrängt oder auf andere projiziert. 

Wie der Autor erwähnt, hat der Philosoph Platon das Denken als ein Gespräch mit der Seele begriffen. Nach Platon kommt es zu Denkfehlern, wenn man im Gespräch mit der Seele nicht wahrhaftig ist. 

Ein Schlüssel zum Verständnis eigener Fehler und Beziehungsfallen sollen die begleitenden Gefühle in solchermaßen komplizierten Situationen sein, die mit Stress verbunden sind. Bestimmte Gefühle dokumentieren, dass unser Denken zu sozialen Problemen geführt hat. Nun möchten die Betroffenen die negativen Gefühle loswerden, gleichwohl am bisherigen Denken festhalten. Dies sei jedoch zumeist unmöglich. 

Eifersucht und Schuld als Verwirrung der Gefühle, Denkfehler als Verwirrung des Verstandes sowie Intrigen und Täuschungen als Verwirrung der Beziehungen sind die Ergebnisse, wenn man am bisherigen Denken festhält. 

Nur Selbstreflexion, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen können aus diesem Dilemma heraushelfen und zu einer neuen Selbsterkenntnis führen, schreibt Hantel-Quitmann. 

Im Rahmen von drei großen Abschnitten reflektiert der Autor deshalb: 

Verwirrungen der Gefühle- Eifersucht und Schuld 
Verwirrung des Verstandes- Irrtum und Denkfehler 
Verwirrung der Beziehungen- Täuschung und Intrige

Im vierten Abschnitt dann folgen Überlegungen, die Hantel- Quitmann im Satz " Du sollst nicht alles glauben, was Du denkst- Wege aus der Othello-Falle" zusammenfasst. 

"Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch?" fragt der Autor in einem der Abschnitte und lässt den Leser wissen, dass Wahrnehmungsunterschiede Unterschiede in der Interpretation der Wirklichkeit sind, die aufgrund unterschiedlicher persönlicher Erfahrungen entstehen. 

Wir alle glauben, dass unsere Wahrnehmung der Welt eine objektive Abbildung der Realität sei, bis wir feststellen, dass andere dieselbe Welt vollkommen anders sehen. Unsere Wahrnehmung unterscheide sich zunächst nicht zwischen natürlich-objektiver und sozial-subjektiver Wirklichkeit. Dabei sei es die Wahrnehmungskonstanz, die uns zur Annahme der Objektivität verleite. 

Besonders kläglich sei die Wahrnehmung in der Eifersucht, speziell in ihrer pathologischen Variante. Hier bestimme die Wahrnehmung des Eifersüchtigen, was real sei und was nicht. Auch wenn Informationen in offensichtlichem Widerspruch stehen, werden sie uminterpretiert und als weitere betrügerische Absichten des Partners erlebt. Othello sei ein typisches Beispiel hierfür. 

Extremfall selektiver Wahrnehmung seien soziale Vorurteile. Hierbei handele es sich um Schablonen und Automatismen, die entstanden sind, um das Leben zu erleichtern, wohl aber die Realität erheblich verzerren könnten. 

Im Rahmen dieses Buches erfährt man u.a. Wissenswertes über die Variationen der Täuschung. Diese Variationen werden anhand von Beispielen vorgestellt und diskutiert. Immer wieder greift der Autor auch auf Beispiele in der Literatur zurück, um Täuschungen zu versinnbildlichen.  Das ist eine gute Methode, um dem an guter Literatur interessierten Leser  klar zu machen, worum es geht.

Im 4. Abschnitt dann werden die wichtigsten Wege aus der Othello-Falle beschrieben. Es geht dabei um: die Überwindung von Angst, den Mut der Wahrhaftigkeit, das Prüfen alter Lösungswege und anders mehr. 

Wer sich bewusst machen möchte, weshalb wir Irrtümern unterliegen, Fehler begehen und auf Täuschungen hereinfallen, auch Opfer unserer eigenen trügerischen Annahmen sind, wird das Buch gerne lesen und zukünftig dem eigenen Denken und unseren eigenen Beobachtungen sowie Schlussfolgerungen skeptischer gegenüber stehen. Nicht alles ist so, wie es uns erscheint.


Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Das Buch der Gefühle- Tiffany Watt Smith- dtv

Dieses Kompendium über unsere Gefühle hat Dr. phil. Tiffany Watt Smith verfasst. Sie erläutert zunächst ausführlich, was Emotionen überhaupt sind und ist davon überzeugt, dass die Betrachtung von Gefühlen als primär und überwiegend biologische Fakten ein falsches Bild davon zeichnet, was ein Gefühl tatsächlich ist. 

Der Ursprung unseres modernen Begriffs von Emotionen kann zurückverfolgt werden bis Mitte des 17. Jahrhunderts. So kam Francois de La Rochefoucauld zu der Erkenntnis, dass sogar unsere Triebe von dem Bedürfnis, mit der Konvention Schritt zu halten, bestimmt sein können. Die Überlegung, dass Emotionen ebenso wie durch Körper und Geist durch die Kultur geformt werden, wurde in den 1960er und 1970ern erfreut aufgenommen.

Im vorliegenden Buch geht es um Geschichten über Gefühle und wie sich diese verändern. Dabei geht  es der Autorin nicht um Ratschläge, wie man zu einem glücklicheren, erfolgreicheren Menschen wird, sondern um die Darstellung von rund 150 Emotionen, damit wir begreifen, was uns mitunter umtreibt, wenn wir handeln. 

Diese Emotionen sind alphabethisch geordnet und thematisieren eine ganze Reihe kulturbedingter Gefühle, so etwa "Litosit", eine tschechische Emotion, die eine Spirale aus Scham, Groll und Zorn beschreibt. Diese Emotion verlangt nach Aktivität. Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera ist überzeugt, dass "Litosit"  mit der qualvollen Geschichte Böhmens in Zusammenhang steht und sich beispielsweise 1968 im Prager Frühling auf ganz bestimmte Weise ausgewirkt hat. 

Aufgeklärt wird man auch über die portugiesische Emotion "saudade", einer melancholischen Sehnsucht nach Menschen oder Dingen, die weit weg sind. 

Cyberchondrie ist eine neue Emotion, eine Angst vor Symptomen einer Krankheit, die durch die Recherche im Internet gespeist wird. 

Doch man liest auch über alte Emotionen wie etwa Melancholie, Mitfreude, Mitgefühl und Mitleid, die jeder kennen sollte.

Sich über die Inhalte einzelner Emotionen kundig zu machen, ist sinnstiftend, um zu verstehen, warum wir und andere in bestimmter Weise - leider nicht immer sehr vernünftig- , handeln. 

Empfehlenswert 
Helga König

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